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Wer die Berichterstattung der Medien zu Fragen der Medizin und des Medizinsystems in Deutschland aufmerksam liest, muss häufig etwas ratlos sein.

Da liest man vom Zukunftsmarkt Medizin, der die Konjunkturtiefs abzufedern vermag, vom wichtigsten Teil des Arbeitsmarktes, von einer hochinnovativen Industrie, die allein in der Medizintechnik 1 Prozent des BIP erwirtschaftet. Man hört von engagierten Ärzten in Forschung und Lehre, von der Aufholjagd der Universitäten im internationalen Ranking. Und man erfährt, dass mehr als 80 Prozent der Patienten mit dem deutschen Medizinsystem, und den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen in diesem System, sehr zufrieden sind.

Im Gegenzug aber heißt es, dass in Deutschland zu viel operiert wird, das Land viel zu viele Klinikbetten hat und die Qualität der Arbeit deutlich verbessert werden muss. In den Kliniken wird unhygienisch gearbeitet. Nosokomiale Infektionen breiten sich weiter aus und die Zahl multiresistenter Keime steigt unablässig. Man müsse die Ärzteschaft in einen gnadenlosen Wettbewerb schicken, um schlummernde Effizienzreserven zu wecken. Und: „Täter“, „Tatort“, „Tatzeit“ im System sollen von anonymen Spitzeln geliefert werden, um der Korruption endlich Herr zu werden.

Können wir diesen Aussagen, die schnell zu Schlagzeilen mutieren, bedenkenlos glauben?

Perfekte Systeme sucht man in der menschlichen Gesellschaft vergebens. So liegt in jedem Vorwurf wohl immer auch ein Quäntchen Wahrheit. Jede Fachgruppe tut gut daran, Qualitätsverbesserung und Weiterentwicklung zu fördern. Vielleicht aber muss die Ärzteschaft heute auch mehr tun, um negativen Schlagzeilen zu begegnen. Denn die Ökonomisierung des Medizinsystems und die Monetarisierung des Menschen widerspricht dem Anspruch, das Patientenwohl in den Mittelpunkt des Tuns und Handelns zu stellen. Und die Konzentration kleiner Interessengruppen auf punktuelle Verbesserungen entspricht nicht der allgemeinen Problemlage. In weiten Teilen des Medizinsystems hat sich über Jahrzehnte ein strukturelles Problem aufgebaut, das, wenn überhaupt, nur in gemeinsamer vernunftgeleiteter Anstrengung zu beseitigen ist. In den wirklich wichtigen Fragen führen Egoismen in die Irre.

Zeit also, ein Branding für unser Fach zu erarbeiten, Entwicklungen zu analysieren und einen Blick in die Zukunft zu werfen, soweit wir in der Lage sind, diese zu antizipieren. Danach muss die Politik in die Pflicht genommen werden!

Bruch H.-P. Editorial Monetarisierung des Patienten. Passion Chirurgie. 2013 Juni; 3(06): Artikel 01.

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Autor des Artikels

Prof. Dr. med. Hans-Peter Bruch

ehem. PräsidentBerufsverband der Deutschen Chirurgen e.V.Luisenstr. 58/5910117Berlin

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