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Der Untergang des Asklepios

Man wird geboren. Man bittet nicht darum; es geschieht einfach. Manche Menschen werden in Entwicklungsländern geboren, manche in Industrieländern. Manche werden ins goldene Wasserbad geboren, andere werden per Kaiserschnitt aus dem Uterus einer Frau geholt. Eine passive stressvolle Tätigkeit. Als einer der Vertreter dieser sogenannten „Generation Y“ – ich bin nicht glücklich darüber, in diese Generation geboren zu sein – vertrete ich eine Meinung, die die wenigsten meiner Y-Kommilitoninnen und Y-Kommilitonen teilen: Der Beruf des Mediziners ist das Allerwichtigste in meinem Leben.

Dementsprechend verhalte ich mich anders und plane mein Leben anders als viele andere Medizin-Studierende. Ich wollte mein ganzes Leben und will immer noch Arzt werden. Mittlerweile bin ich im zehnten Semester und promoviere in einem chirurgischen Fach in München. Ich will Karriere machen. Ich will an der Universität bleiben oder dahin gehen, wo ich mich mit Leib und Seele für meine Patienten engagieren kann und am meisten lernen darf. Das war und ist mein Traum. Wenn ich dafür alles andere und vor allem das Wertvollste, meine Zeit, „aufopfern“ muss, dann tue ich das gerne. Da ich weiß, dass das, was Mediziner und insbesondere Chirurgen machen, die sinnvollste Tätigkeit des Menschen ist. Ohne Gesundheit gibt es kein Wort, ohne Gesundheit gibt es kein Licht, ohne die Gesundheitshüter gibt es keine Menschlichkeit.

Der Arztberuf

Der Beruf des Arztes (ich werde von nun an nur die männliche Form der Nomen verwenden und entschuldige mich bei unseren Kolleginnen, wenn eine sich benachteiligt fühlt) ist ein „Beruf“, der laut der Online-Version des deutschen Wörterbuchs Duden folgendes bedeutet [1]: „1. [erlernte] Arbeit, Tätigkeit, mit der jemand sein Geld verdient; Erwerbstätigkeit“ und 2. „(gehoben, veraltend) Berufung, innere Bestimmung“. Vor allem diese zweite Bedeutung löst bei mir ein Gefühl der Zustimmung aus. Die innere Bestimmung, die ich, seitdem ich mich erinnere, spüre und mich dazu bewegt, Menschen helfen zu wollen. Diese Bestimmung ist meine Motivation den Arztberuf zu verfolgen.

Die Alles-Wollende

Nun ist es in dieser neuen Generation Y so, dass die angehenden Mediziner alles wollen; nach dem Motto „YOLO“ (you only live once): Sie wollen eine Familie gründen und Kinder haben. Sie wollen ihren alten Jugend-Hobbys nachgehen. Sie wollen im Sportverein weiterhin Sport auf hohem Niveau treiben. Sie wollen in der Big-Band Klarinette und/oder im Orchester weiterhin Geige spielen. Sie wollen den Bio-Garten pflegen und die neuesten Sonnenblumensorten anpflanzen. Sie wollen Profi-Köche werden und Zeit für Kochkurse haben. Sie wollen sich künstlerisch entwickeln und bei allen Vernissagen dabei sein. Sie wollen viele Freunde haben und die ganze Zeit mit den Freunden verbringen. Sie wollen Spanisch, Portugiesisch, Französisch, Italienisch und am besten Russisch, Japanisch und Chinesisch lernen. Sie wollen die ganze Welt erkunden, jedes einzelne Land der Erde und wenn man könnte, auch noch den Mond oder den Mars. Sie wollen alles. Denn letztendlich leben wir alle nur einmal und man muss(!) alles erlebt haben.

Die Problematik

Die Eltern dieser Generation, die Babyboomer-Generation, wenn ich mich nicht irre, haben ihnen anscheinend ihr ganzes Leben lang gepredigt, dass sie alles schaffen können (vor allem die Sachen, die die Eltern nicht geschafft haben). Doch eins haben sie vergessen. Sie vergaßen, dass diese neue Generation aus Menschen und nicht aus Halbgöttern besteht. Und gerade deswegen macht diese Generation den Gott verantwortlich, für den diese Generation gehalten wurde.

„Die Medizin ist schuld daran, dass man keine Zeit für die dritte oder vierte Fremdsprache, für die Freunde aus der Thailand-Reise, für die noch nicht geborene Kinder, für den Sport-, Kunst-, Koch- und Musikverein oder für den sechswöchigen Südamerika-Urlaub hat. Deswegen muss der Job diese Zeit hergeben. Denn es handelt sich schließlich nur um einen Job und nicht um mein Leben. Polizisten, Krankenpfleger, Feuerwehrmänner helfen auch Menschen und sie haben auch alles.“

Der Kompromiss

Es ist menschlich, schöne Sachen haben und Erlebnisse machen zu wollen. Das steht jedem zu. Es steht auch jedem zu, sein Leben so zu gestalten, wie man will. Doch unser Arzt-Beruf ist nicht nur ein Beruf, es ist nicht nur ein Job, es ist nicht ein zeitfressendes Monster. Bei Medizin geht es um Menschlichkeit. Wir behandeln Menschen und zwar in ihrer Gesamtheit: Wir behandeln die Seele, den Körper, wir fördern Gesundheit und bekämpfen Erkrankungen, wir operieren und halten in unseren Händen das pulsierende Herz und die atmende Lunge. Wir dringen in das Innerste der Menschen und sie lassen es zu. Sie lassen uns in sie eindringen, weil sie uns vertrauen, weil sie Angst haben, weil sie keine andere Chance haben. Deswegen ist das Arzt-Sein kein ordinärer Job. Es ist eine gigantische Pflicht gegenüber anderen Menschen und eine ebenso enorme Ehre, die die Menschheit uns erteilt.

Mein Weg

„Wähle einen Beruf, den du liebst, und du brauchst keinen Tag in deinem Leben mehr zu arbeiten“, [2] schrieb Konfuzius. Ich werde in diesem Sinne nie arbeiten, denn ich liebe die Medizin. Es mag zwar so sein, dass ich diesen wunderschönen Beruf idealisiere und ich als erster angehender Mediziner in meiner Familie die Schattenseiten der Arzt-Familie nicht erlebt habe. Doch ich glaube fest daran, dass man den Arztberuf mit Familie und einzelnen Freizeit-Aktivitäten kombinieren kann. Man muss aber einen Kompromiss eingehen und sich ernsthaft fragen: „Wieso bin ich Mediziner?“. Wenn man den Beruf liebt, dann braucht man nicht tausend Vereine. Denn der Beruf und seine mit sich verbundenen Freuden, menschlichen Interaktionen, Enttäuschungen, Verzweiflungen, neuen Erkenntnissen, Misserfolgen und Erfolgen können einen vollständig erfüllen. Man muss nicht unbedingt das Gesundheitssystem und den Beruf dämonisieren. Es wäre natürlich für alle besser, wenn es weniger Papierkram gäbe und man mehr Zeit für das hätte, wofür wir ausgebildet wurden. Es ist auch ein Appell an den Staat, dass man als Mensch-Arzt auch Hilfe in Form von u. a. mehr Kita-Plätzen und weniger Bürokratie-Stressoren braucht. Doch ich bereue keine Sekunde, die ich der Medizin, meinen Patienten, meinen Mitmenschen widme als einer anderen Tätigkeit, weil Medizin schlicht und einfach sinnvoll und schön ist.

Literatur

[1] „Beruf“ auf Duden online. URL: http://www.duden.de/suchen/dudenonline/Beruf (Abrufdatum: 03.05.2017)

[2] Quelle: Konfuzius (551 – 479 v. Chr.), Quelle: zugeschrieben

Pérez Anderson R. P. Generation Y – Nein Danke! Passion Chirurgie. 2017 Juli, 7(07): Artikel 08_01.<

Autor des Artikels

Ricardo Patricio Perez Anderson

Studium der Humanmedizin, 10. SemesterLudwig-Maximilians-Universität München

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