Persönlichkeiten in 100 Jahren gibt es viele, aber eine Jahrhundertpersönlichkeit für die deutsche Chirurgie, die eine mächtige, fortdauernde, die deutschen Chirurgen prägende Vereinigung erkämpft hat, ist selten, erinnerungsverpflichtend und ehrwürdig.

Als sein Biograph hatte ich Müller-Ostens Bekanntschaft in Hamburg als junger Privatdozent gewonnen und über Jahrzehnte fortdauernd erlebt. Der Zufall, im Abstand eines Jahrzehntes in Erlangen einen von uns beiden hochgeschätzten Chirurgen, den o. Prof. Otto Götze auf unserem beruflichen Weg getroffen zu haben, war eine nie versiegende Gesprächsgrundlage kritischer Offenheit.
Wir waren beide als aktive Militärärzte aus einem verlorenen Krieg mit zerstörten Hoffnungen gekommen, aber wir waren davongekommen. Er als Älterer, ohne Zukunft, ich als Jüngerer hatte es leichter.
Wir waren beide betrübt, was unsere Generationen alles, auch fachlich, versäumt hatten, als wir die Sieger erlebten.
Aus Müller-Ostens nachgelassenen Papieren redete ein sonst so verschwiegener tapferer Idealist, der Marineoberstabsarzt. Aus einem Hilfskreuzer, umgebaut aus einem alten Hapag-Dampfer, war der müde Seelenverkäufer „Orion" (der mythische Jäger) geworden. Mit diesem Kaperkreuzer, kläglich ausgerüstet, fuhr Müller-Osten als Arzt über die von Schiffen leergefegten Meere, um sich nicht erwischen zu lassen.
Der Jäger gehörte zu den Gejagten. Von neun dieser Hilfskreuzer gingen sieben mit ihren Mannschaften verloren. Zwei, darunter die „Orion", überlebten.
Was haben diese Männer unter unsäglichen Strapazen, ewiger Angst und tödlicher Langeweile in diesen vielen Monaten alles erdulden müssen. 500 Seetage lang!
Zum Marineoberstabsarzt befördert, hospitierte Müller-Osten an Universitätskliniken in Erlangen, Straßburg und vor allem bei Prof. Nordmann im Martin-Luther-Krankenhaus in Berlin. Er wollte als aktiver Militärarzt die Universitätslaufbahn einschlagen, was möglich gewesen wäre.
Im April 1945 musste er mit dem verlorenen Krieg alle Hoffnungen auf den ehemals angestrebten Berufsweg begraben.
Beide mussten wir unsere spärlichen Orden, die wir unserer Hilfswagnisse wegen bekommen hatten, auf immer verstecken. Müller-Osten schildert, das er von der letzten Kaperfahrt in einem Hafen des besetzten Frankreichs glücklich gelandet war.
Selbst der großen Chirurgie musste er jetzt entsagen – ein niemals verschmerzter Verlust und trotz ausgezeichneter fachlicher Zeugnisse und wissenschaftlicher Veröffentlichungen, ist es ihm nie gelungen, eine leitende ChirurgensteIle an einem Krankenhaus, geschweige denn an einer Universitätsklinik zu bekommen. In seinem Nachlass fand ich den Satz: „In der Absicht, meine parteipolitische Unabhängigkeit auch in Zukunft aufrecht erhalten zu können, ließ ich mich 1950 als Chirurg in Hamburg nieder."
Jetzt erwachte sein außergewöhnliches Organisationstalent, gefördert von Charme, leiser Bestimmtheit und unergründlicher Zielstrebigkeit. Er war ein freier, tapferer Idealist, der Gleichgesinnte um sich zu scharen wusste.
Nach seiner Niederlassung im freien Beruf erregten berufsständische Fragen sein besonderes Interesse. Er nahm die früher unbekannten Auseinandersetzungen der Chirurgen mit dem Staat, den Behörden, den Gerichten in die Hand, alles vorher unbekannte Probleme der Berufsausübung.
1953 wurde die Vereinigung frei praktizierender Chirurgen in Hamburg gegründet, 1960 wurde Müller-Osten Mitbegründer des jetzigen Berufsverbandes der deutschen Chirurgen (BDC). 1961 war er 1. Vorsitzender dieses jetzt alle Chirurgen der BRD umfassenden Verbandes der Wundärzte, der alle berufsständischen Fragen, auch die der Weiterbildung, in die Hand nahm. Erstrebt wurde „die volle wissenschaftliche Autonomie der Teilgebiete bei voller Integration im Fachgebiet Chirurgie".
Die Zusammenarbeit mit den inzwischen entstandenen Ärztekammern war einfacher als mit der schon in der Vergangenheit zu Ansehen und Macht gekommenen Deutschen Gesellschaft für Chirurgie, in der die ordentlichen Professuren der Chirurgie das Wort führten. In dieses Gremium wurde Müller-Osten immer wieder als nicht-ständiges Beiratsmitglied gewählt. „Wir können wirtschaftliche und sozialpolitische Fragen eigentlich nicht behandeln, dazu ist der Berufsverband da", sagte ein Chirurgenpräsident.
In Grundsatzreden „vom Gemeinschaftsgeist der Chirurgen" und Büchen verschaffte sich Müller-Osten Gehör und Anerkennung. Er ließ sich von dem im Mantel des Wohlwollens eingehüllten Gegner nicht täuschen oder einschüchtern. Seine Organisation fand langsam immer mehr Zustimmung und Gesprächspartner auch im Ausland.
Vor allem aus den nachgelassenen Briefen bzw. dem Schriftwechsel, die in seiner Biographie verwendet wurden, ergibt sich ein sehr erfolgreicher und umfassender Einfluss auf die Entwicklung der Chirurgie in Deutschland durch sein Wirken.
Zwei Verhaltensweisen der Gesellschaft kann man zwischen 1971 und 1983 erkennen. Müller-Osten wird jetzt häufig gebeten, zu drängenden Fragen der Chirurgie und Medizin Stellung zu nehmen. Jetzt schreiben seine früheren Gegner Lobeshymnen über seine Bemühungen und Erfolge und schütten ganze Füllhörner der Bewunderung und Dankbarkeit über ihm aus.
Was dachte da wohl dieser zurückhaltende Mann, als sich so Viele in der Gloriole eines Mächtigen sonnten, weil er Erfolg hatte.
Es herrschte aber nie Ruhe auf dem Kampfplatz und das letzte Buch dieses Unermüdlichen heißt: „Der Chirurg heute." Selbst im hohen Alter übt er wie immer großzügige Toleranz und lässt den Theologen Thilicke in einem Vorwort obigen Buches fragen, ob „das Geisterschiff des wissenschaftlichen und technischen Fortschritts nicht mit leerer Kommandobrücke fährt?" Müller-Osten hatte auch die Gabe, die richtigen Nachfolger einzusetzen, dieses Werk so erfolgreich in die Zukunft führen. Bevor er in die Ewigkeit ging, gründete er mit seinem Vermögen die so segensreiche Stiftung, die auch sein Andenken wach hält. Anlässlich der Übergabe der Schriftleitung „Der Chirurg BDC" an Karl Hempel, zitierte dieser aus dem „Buch der Richter" den auswählenden Gideon und seine siegreichen Taten mit den Erwählten.
Müller-Osten war ein Gideon. |